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„Es ist ein Jammer, wenn Sportler überholte Methoden anwenden“

VA-Vorstandsmitglied und Ringarzt Bas Pijnenburg möchte, dass in der Kampfsportwelt mehr über Weight Cutting gesprochen wird. Es werden Methoden angewendet, die in anderen Ländern bereits zu Todesfällen geführt haben, und das will er in den Niederlanden verhindern. „Man kann auf gesunde Weise auf Wettkampfgewicht kommen, und auf ungesunde Weise. Wettkämpfer müssen sich der Risiken bewusst sein und mit dem richtigen Wissen begleitet werden. Das ist besser für ihre Gesundheit und für ihre Leistung.“
Als Ringarzt sieht Bas Pijnenburg Kämpfer in ihrer stärksten und in ihrer schwächsten Verfassung. Oft betreten sie in absoluter Topform den Ring, manchmal sieht er sie auf einer Trage den Kampfschauplatz verlassen, geschlagen und verletzt. „Selbst Weltmeister können buchstäblich mit einem Schlag zu einem wehrlosen Vögelchen werden.“ Aber auch außerhalb des Rings sieht er manchmal Spitzensportler zusammenbrechen. „Ein schlechter Weight Cut kann einen Sportler den Kampf kosten, und seine Gesundheit.“
Weight Cutting
Kämpfer müssen das richtige Gewicht erreichen, um in ihrer Gewichtsklasse antreten zu dürfen. Sie werden am Wettkampftag oder einen Tag früher gewogen, damit festgestellt werden kann, dass sie unter der vereinbarten Grenze liegen. Häufig nehmen sie einige Tage vor dem Wiegen so viel wie möglich ab. Sie essen und trinken so gut wie nichts mehr. Sie verlieren extrem viel Flüssigkeit, indem sie in der Sauna oder auf dem Laufband schwitzen, bis sie das gewünschte Gewicht erreicht haben. Nach dem Wiegen essen und trinken sie dann besonders viel, um vor dem Kampf wieder auf „normalem“ Gewicht zu sein, denn ein höheres Eigengewicht bringt Vorteile im Kampf. Man hat mehr Masse hinter Schlägen und Tritten und ist schwerer zu Fall zu bringen. Der Prozess des starken Abnehmens vor dem Wiegen heißt Weight Cutting.
„Für viele Sportler ist das Erreichen des Gewichts ein Kampf für sich“, beobachtet Pijnenburg. „Es ist der erste Wettkampf, der gewonnen werden muss, sagen sie oft. Das Gewicht zu „verpassen“ kann bedeuten, dass der Kampf nicht stattfindet. Dann werden der Gegner, der Promoter und das Publikum benachteiligt. Ganz abgesehen von der Enttäuschung bei den Betreuern, der eigenen Kampfsportschule und dem Sportler selbst. Und dann ist da noch das Geld, das der Athlet nicht verdient.“ Deshalb gehen sie weit, um ihr Ziel zu erreichen. Manchmal zu weit. Und manchmal leider sogar viel zu weit. Dabei riskieren Athleten Organschäden und Herzprobleme, und sie können sogar sterben, wie sich in anderen Ländern leider bereits gezeigt hat. „Viele Sportler scheinen nicht zu begreifen, was sie riskieren, und leiden unter einer unsachgemäßen Begleitung.“
Gesundheit
Pijnenburg war als Ringarzt auf allen Ebenen tätig, konzentriert sich in den letzten Jahren aber vor allem auf seine Arbeit für die UFC. Er ist Medical Supervisor UFC Europe and Middle East, neben seiner täglichen Arbeit als Chirurg in einem Amsterdamer Krankenhaus. Und neben all dem ist er Vorstandsmitglied der Nederlandse Vechtsportautoriteit (niederländische Kampfsportaufsicht). Dort, in der medizinischen Kommission der VA, setzte er das Thema Weight Cutting auf die Agenda.
„In der Praxis sehe ich, dass wir dort etwas gewinnen können. Das ist im Interesse des Sportlers, der dadurch gesünder bleibt und besser abschneidet. Aber auch im Interesse des Publikums, das bessere Kämpfe sieht, wenn alle topfit sind. Und im Interesse des Promoters, denn dann fallen weniger Kämpfe aus. Kurzum: Es ist in jedermanns Interesse, dass häufiger über Weight Cuts gesprochen wird und sich die Menschen besser informieren lassen. Aber als Arzt ist das erste Interesse, das ich betrachte, natürlich das Gesundheitsinteresse.“
Sich weiterentwickeln
Pijnenburg und seine VA-Kollegen stellten in Gesprächen mit Sportlern und Trainern fest, dass noch viel auf Grundlage mangelhaften Wissens geschieht. „Viele Trainer nutzen Wissen, das sie in ihrer eigenen Kämpferlaufbahn von ihren eigenen Trainern erhalten haben. Diese bekamen es oft wiederum von einer noch älteren Trainergeneration. Aber das sind teilweise Methoden aus den achtziger und neunziger Jahren. Wir sind inzwischen dreißig, vierzig Jahre weiter. Wir wissen viel mehr darüber, was funktioniert und was nicht, und darüber, was schädlich ist. Dann ist es ein Jammer, wenn Sportler überholte Methoden anwenden. Es gehört zur Professionalisierung des Sports, dass man sich auch in solchen Bereichen weiterentwickelt.“
Todesfälle
Die Auswüchse von Weight Cuts sind bekannt. Kämpfer, die zu weit gehen, landen mit Nierenversagen im Krankenhaus. In anderen Ländern gab es sogar Todesfälle unter Sportlern, die in zu kurzer Zeit zu viel Gewicht verlieren wollten. Sie trockneten sich selbst aus, ihre Organe stellten die Arbeit ein und es folgte ein Herzstillstand. „Dem wollen wir natürlich zuvorkommen“, sagt Pijnenburg. „Aber schlechte Weight Cuts haben auch viele andere Nachteile, und die sind oft nicht unmittelbar sichtbar, jedenfalls nicht für das Publikum. Sportler leisten nach einem schweren Weight Cut weniger, das kann man vielleicht noch von außen wahrnehmen. Aber während und kurz nach dem Weight Cut ist man auch anfälliger für Verletzungen und Krankheiten. Man baut garantiert auch Muskeln ab. Weil das Gehirn länger als ein paar Tage braucht, um sich von einer Dehydrierung zu erholen, gehen Sportler mit ausgetrocknetem Gehirn in den Wettkampf. Wenn sie eine Gehirnerschütterung erleiden, ist diese schwerer und führt zu mehr Schäden. Und längerfristig kann es zu Essstörungen, Depressionen, Menstruationsbeschwerden und verminderter Fruchtbarkeit führen.“
Maßnahmen
Die VA sprach in den vergangenen Monaten über dieses Thema mit Dutzenden Menschen aus der Kampfsportpraxis. Von jungen Talenten in den Niederlanden bis zu Weltmeistern von ONE und Bellator, und deren Trainern. Von Promotern von Jugendturnieren bis zu den Leuten von Glory und UFC. Aber auch mit Sportärzten, Diätassistenten und Forschern. „Auf allen Ebenen ist man sich einig, dass wir als Kampfsport noch Schritte gehen müssen“, schlussfolgert Pijnenburg.
Die VA fragte selbstverständlich auch, was nach Ansicht der Praktiker geschehen muss. „Es werden manchmal radikale Maßnahmen vorgeschlagen. Die asiatische Organisation ONE führt Hydratationstests durch, darauf werden wir regelmäßig hingewiesen. Aber das ist schwer zu organisieren. Besonders bei den Amateuren, und das sind 90 % des Kampfsports in den Niederlanden. So etwas möchte man eigentlich nur tun, wenn es wirklich nicht anders geht. Andere sagen: Macht es wie im Judo und wiegt einfach ganz kurz vor dem Wettkampf, dann macht man es unmöglich, sich von Weight Cuts zu erholen, und dann werden die Leute damit aufhören. Man muss sich als Sport auch solche Optionen offenhalten.“
„Stellen Sie sich vor, in den Niederlanden gibt es durch einen schlechten Weight Cut einen Todesfall und der Kampfsport bekommt die Frage gestellt: Was habt ihr getan, um das zu verhindern? Wir werden alle gemeinsam unsere Verantwortung übernehmen müssen. Zumal wenn man bedenkt, dass zwei von drei Wettkämpfern in den Niederlanden minderjährig sind.“
Bewusstseinsbildung
Die VA hat sich entschieden, auf einen Kulturwandel zu setzen. „Das ist die nachhaltigste Art, etwas zu verändern. Wenn Menschen neue Regeln auferlegt bekommen und sie befolgen, weil es nun einmal die Regeln sind, erreicht man nicht, was man erreichen will. Wir wollen, dass ein Mentalitätswandel entsteht. Das erreicht man, indem man die Menschen für die Risiken sensibilisiert und ihnen das richtige Wissen zugänglich macht. Dann können sie bessere Entscheidungen treffen. Das ist nichts, was man von heute auf morgen regelt, aber wir können heute die ersten Schritte setzen.“
Die VA hat eine Sensibilisierungskampagne unter dem Namen Gezond op gewicht (Gesund auf Gewicht) gestartet. Es wurde eine Broschüre entwickelt mit Informationen über die Risiken und mit Richtlinien dazu, wie man tatsächlich gesund auf Gewicht kommt. Diese Broschüre wird in den kommenden Monaten bei Wiegeterminen von Veranstaltungen und Galas unter Wettkämpfern und Trainern verbreitet. Außerdem werden Gespräche mit Ausbildern von Coaches, Offiziellen und anderen Beteiligten geführt, um das Thema in die Kurse aufzunehmen.
Auf der Website der VA wurde eine Informationsseite veröffentlicht, und es wurde ein Animationsclip erstellt, der unter anderem über soziale Medien verbreitet wird. „Setzt euch als Sportler und Trainer zusammen und führt ein gutes Gespräch über euer Vorgehen“, lautet die Botschaft von Pijnenburg. „Sprecht über die individuelle Lösung, die man als Sportler braucht. Sprecht einmal mit einem Sportdiätassistenten. Jeder Körper funktioniert anders. Jung unterscheidet sich von alt, schwer von leicht, Mann von Frau, jeder braucht ein maßgeschneidertes Vorgehen. Indem man darin mit seinem Team vernünftige Entscheidungen trifft, verringert man die Gesundheitsrisiken und erhöht die Chance auf sportlichen Erfolg. Das ist ein doppelter Gewinn.“