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NRC: Ein Verbot von Schlägen und Tritten gegen den Kopf, diese Kampfsportarten wagen es

NRC berichtete kürzlich über Hirnschäden bei Sportlern und vor allem darüber, wie Sportorganisationen damit umgehen. Die Vechtsportautoriteit (niederländische Kampfsportaufsicht) verbot Tritte und Schläge gegen den Kopf für Jugendliche. Das stieß zunächst auf viel Widerstand, erläutert VA-Direktor Farid Gamei. „Andere Sportarten verschließen die Augen vor Hirnschäden.“
„Ich habe erst mit achtzehn Jahren mit Wettkämpfen begonnen und bin dennoch mehrfacher Weltmeister geworden. Es ist die Frage, ob das gelungen wäre, wenn ich vorher Schläge gegen den Kopf einstecken hätte müssen.“
Das sind die Worte von Ernesto Hoost, ehemaliger vierfacher Weltmeister in der Kampfsportart K1. Er sagte es vor einigen Jahren, als die Vechtsportautoriteit ankündigte, Tritte und Schläge gegen den Kopf ab 2020 für Jugendliche unter achtzehn Jahren zu verbieten. Die Aufsichtsbehörde für Kickboxen, Thaiboxen und Mixed Martial Arts (MMA) ist damit die einzige Sportorganisation in den Niederlanden, die derart weitreichende Maßnahmen gegen Hirnschäden bei Sportlern ergriffen hat. Die Vechtsportautoriteit ist davon überzeugt, dass Tritte und Schläge gegen den Kopf zu Hirnschäden führen können, etwa zu Sprachstörungen, verwirrtem Verhalten oder, langfristig, zu Demenz.
Einfach war die Einführung der Regel nicht, berichten Beteiligte. Vor allem Wettkampfsportler befürchteten, das Niveau der Sportart würde sinken. Wie gelang es der Vechtsportautoriteit, drei Sportarten vollständig zu verändern? Durch eine durchdachte Strategie, schrittweise Veränderung und die Unterstützung ehemaliger Champions.
Anfang dieses Jahrhunderts stand es nicht gut um den Kampfsport. Kampfsportgalas gerieten regelmäßig außer Kontrolle, es gab Schießereien, die Polizei stellte fest, dass am Ring Unterwelt und Oberwelt zusammenkamen. Auch Wettkämpfe von Kindern wurden oft schlecht begleitet, manchmal war unklar, wer ihre Gesundheit überwachte. Der Beliebtheit der Sportarten tat das keinen Abbruch. Zahlen der Vechtsportautoriteit zeigen, dass mehr als 530.000 Menschen Kickboxen, Thaiboxen oder MMA betreiben.
Es gab viele Veranstalter von Wettkämpfen und Sportgalas, die alle nach unterschiedlichen Richtlinien arbeiteten. So war es schon jahrzehntelang. Der Sportdachverband NOC-NSF und das Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport (Ministerie van Volksgezondheid, Welzijn en Sport) wollten den Sport besser regulieren. Aus den Gesprächen darüber ging 2017 die Vechtsportautoriteit hervor. Sie sollte für „saubere“ und sichere Kampfsportgalas sorgen und die medizinischen Kontrollen im Sport verbessern.
Farid Gamei, ehemaliger Kampfsportler („zum Glück für mein Gehirn früh aufgehört“), wurde Direktor. Er erzählt, dass nahezu unmittelbar beschlossen wurde, Schläge gegen den Kopf im Jugendbereich abzuschaffen.
Die medizinische Kommission war sich einig, dass große Risiken bestanden, dass Gehirne in der Entwicklung geschädigt würden. Sie bat Lot Verburgh, eine Forscherin, die auf den Zusammenhang zwischen Sport und dem Gehirn von Kindern spezialisiert ist, um eine Literaturstudie. Verburgh promovierte an der Vrije Universiteit in Amsterdam und arbeitete als Beraterin für den Fußballverband KNVB und Ajax. Sie durchforstete gemeinsam mit der Neuropsychologin Keri Mans die internationale wissenschaftliche Literatur zu dem Thema.
In ihrem Bericht schreiben sie, es gebe „ausreichende wissenschaftliche Belege dafür, dass wiederholte Einwirkungen auf den Kopf zu vorübergehenden, aber auch dauerhaften Schäden am Gehirn führen können“. Als mögliche Folgen nennen sie unter anderem Probleme mit dem Gedächtnis und der Reaktionsgeschwindigkeit. Außerdem schreiben sie, dass Untersuchungen bei erwachsenen (ehemaligen) Kampfsportlern zeigen, dass die Hälfte von ihnen chronische Schäden am Gehirn hat. Über Kinder schreiben sie, dass das „Gehirn sich noch mitten in der Entwicklung befindet“ und dieser Prozess „nicht gestört werden darf“.
Bas Pijnenburg, ehemaliger Ringarzt und Vorsitzender der medizinischen Kommission der Vechtsportautoriteit, berichtet, dass es keine Zweifel an der Entscheidung gab: „Als Arzt würde ich die Altersgrenze eigentlich noch höher ansetzen. Das Gehirn von Jugendlichen ist so empfindlich, Schläge können wirklich erhebliche Schäden verursachen. Wir haben die Grenze bei achtzehn Jahren gezogen, weil Menschen dann juristisch auch für ihre eigenen Entscheidungen verantwortlich sind.“
Nachdem die Entscheidung intern getroffen war, gab es eine wichtige Frage, erzählt Direktor Farid Gamei: „Wie sollten wir das um alles in der Welt umsetzen? Wir wussten, dass die Maßnahme nicht populär sein würde. Und das in einem Sektor, in dem jahrelang jeder machen konnte, was er wollte. Von einem Tag auf den anderen wäre das nie möglich gewesen.“
Der Vorstand beschloss, Ende 2017 eine Konferenz zu organisieren. Hauptgast war Erik Scherder, der Neuropsychologe, der durch die Fernsehsendung De Wereld Draait Door bekannt wurde. Er machte deutlich, was Schläge gegen den Kopf bei Sportlern, bei Kindern, anrichten können. Im Saal saßen alle wichtigen Wettkampfveranstalter, Manager von Sportlern, Promoter. Sie wussten, dass sie den Plan nicht einfach ablehnen konnten: Die Vechtsportautoriteit hat nämlich bei der Erteilung von Genehmigungen für Kampfsportgalas und Wettkämpfe eine entscheidende Stimme. Wer sich nicht an die Regeln hält, steht in der Praxis außen vor.
Bei der Konferenz waren auch Ernesto Hoost (der vierfache K1-Champion), Remy Bonjasky (dreifacher Gewinner des K1 World Grand Prix) und Marloes Coenen (ehemalige MMA-Champion) anwesend. Sie waren eingeladen, weil der Vorstand wollte, dass sie helfen, Unterstützung für das Verbot zu gewinnen. Sie waren nicht willkürlich ausgewählt. Alle sind große Champions, weltberühmt. Doch besonders Hoost und Bonjasky hatten noch einen weiteren Vorzug.
Sie begannen erst nach ihrem achtzehnten Lebensjahr mit dem Kickboxen. Für die Vechtsportautoriteit waren sie das lebende Argument dafür, dass der Kampfsport qualitativ nicht unter einem Verbot von Tritten und Schlägen gegen den Kopf im Jugendbereich leiden muss. Die drei Sportler beschlossen mitzumachen und betonten in den Medien danach immer wieder ihre eigene Geschichte: Auch wenn man erst in höherem Alter beginnt, kann man die Weltspitze erreichen.
Die Altersgrenze wurde anschließend Jahr für Jahr angehoben. Zunächst kam ein Verbot bis sechzehn Jahre, danach bis siebzehn und seit Anfang dieses Jahres bis achtzehn Jahre.
Was Gamei weiterhin beschäftigt, ist, dass die Vechtsportautoriteit die einzige Sportorganisation in den Niederlanden ist, die solche Maßnahmen ergreift. Häufig hört er: Warum dürfen wir nicht mehr zum Kopf schlagen, während Boxer es sehr wohl dürfen? Und warum ist es im Taekwondo erlaubt und bei uns nicht? Dagegen kann Gamei nur schwer etwas einwenden. „Wir sind für diese Sportarten nicht zuständig. Wären wir es, hätten wir längst ein Verbot eingeführt“, sagt er.
Die Vechtsportautoriteit hat durchaus versucht, andere (Kampf-)Sportarten mitzunehmen, aber Farid Gamei hat das Gefühl, gegen eine Mauer zu laufen. Er hat die wissenschaftliche Studie mit dem niederländischen Boxverband (Nederlandse Boksbond) geteilt. Außerdem hat die Vechtsportautoriteit das Problem beim Sportdachverband NOC-NSF angesprochen, in der Hoffnung, dass dieser auch bei anderen Sportarten an einem Verbot von Schlägen gegen den Kopf arbeiten würde.
Das ist bislang nicht geschehen. NOC-NSF teilt in einer Reaktion mit, dass in Kürze eine Besprechung zwischen Sportorganisationen organisiert wird, „um zu einem Austausch von Wissen über die nachteiligen Auswirkungen von Schlägen, Tritten und anderen Einwirkungen auf den Kopf“ zu kommen.
Weiterlesen auf der Website von NRC, leider hinter deren Bezahlschranke.
Einige Tage nach der Veröffentlichung dieses Artikels griff NRC das Thema in einem Leitartikel der Chefredaktion erneut auf:
Verbände müssen wissen wollen, welche Risiken ihr Sport mit sich bringt
„Unterdessen wächst auch in anderen Sportarten die Aufmerksamkeit für potenzielle Gefahren, die früher nicht als Gesundheitsrisiken betrachtet wurden. Wer boxt, muss etwas einstecken können. Schläge gegen den Körper gehören zum Kampfsport, so wie Kopfbälle zum Fußball, Bodychecks zum Eishockey und Tackles zu Rugby und American Football.
Das mag zutreffen, es bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Raum für Verbesserungen gibt. Es sind Maßnahmen denkbar, wie die Vechtsportautoriteit zeigt, die zumindest die Risiken für Jugendliche begrenzen, ohne dass die Seele des Sports angetastet wird.
Vielleicht befürchten Verbände, mit den Traditionen in Konflikt zu geraten. Aber die Vergangenheit darf kein Argument dafür sein, den Kopf wegzudrehen. Es beginnt mit der Anerkennung, dass manche Sportarten Gesundheitsrisiken mit sich bringen können. Das ist nur möglich, wenn Verbände Verantwortung übernehmen und wissen wollen, welche potenziellen Gefahren ihr Sport birgt.“