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Jorina Baars: „Die Arbeit mit dieser Zielgruppe fordert auch mich heraus“

4 Min. Lesezeit

Die sportartenübergreifende Kampagne Onze Club Is Voor Iedereen („Unser Verein ist für alle“) richtet die Aufmerksamkeit auf Vielfalt und Inklusion. Vielleicht etwas modische Begriffe, aber es geht einfach darum, dass alle willkommen sind. Der Kampfsport ist von alters her sehr vielfältig, auch was den Hintergrund der Sportlerinnen und Sportler betrifft. Dennoch gibt es noch Möglichkeiten, neue Gruppen über die Schwelle zu bringen. Zum Beispiel Kämpferinnen und Kämpfer mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung. In dieser Serie stellen wir einige Sportschulen vor, die andere möglicherweise dazu anregen, ebenfalls ein breiteres Publikum anzusprechen.

SportsArt Den Helder des Kickbox- und Muaythai-Phänomens Jorina Baars ist eine „normale“ Sportschule, in der alle willkommen sind, um auf ihrem eigenen Niveau zu trainieren. SportsArt bietet aber auch spezielle Stunden für eine besondere Gruppe von Sportlern an. Am Montagmorgen und am Donnerstagabend steht eine Gruppe mit einer zusätzlichen Herausforderung auf der Matte: der Parkinson-Krankheit.

Kampfsportarten sind schon für durchschnittliche Sportler komplex. Wie ist das für Menschen mit Parkinson?
„Im Kampfsport muss man auf das Gleichgewicht achten, die Energie gut einteilen, die Deckung halten, den Gegner lesen und Angriffe setzen. Selbst in seiner einfachsten Form ist Boxen schon eine Doppelaufgabe: man muss gehen und schlagen. Die Parkinson-Krankheit macht es gerade schwieriger, verschiedene Aufgaben zu verbinden. Das zu trainieren bietet Patienten aber genau die Übung, die sie brauchen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Boxen den Verlauf der Krankheit verlangsamt.“

Wie sind Sie darauf gekommen, Parkinson Boxing anzubieten?
„Mein Nachbar, der die Krankheit hat, wies mich auf einen Artikel über eine Studie hin, laut der Boxen eine verlangsamende Wirkung auf den Verlauf von Parkinson hat. Und später an demselben Tag kam Danique de Klein, die meine Partnerin in diesem Projekt wurde, mit demselben Artikel. So entstand die Idee, Trainings anzubieten.“

Woher haben Sie das Wissen, um das zu tun?
„Danique arbeitet als Casemanagerin bei Geriant, einer Organisation für Menschen mit Gedächtnisproblemen und Demenz. Sie gibt regelmäßig Kickbox- oder Boxsackstunden bei SportsArt. Gemeinsam haben wir den Kurs Parkinson Boxing mit gutem Ergebnis abgeschlossen. Parkinson Boxing wird von ParkinsonNet unterstützt. Wir haben außerdem Kontakt zu einem auf Parkinson spezialisierten Physiotherapeuten. Auch nach dem Kurs lernen wir weiter. Ich habe zum Beispiel auch einen Fortbildungskurs für Pflegekräfte zum Thema Parkinson absolviert.“

Ist es nicht riskant, Menschen mit Gesundheitsproblemen eine Kampfsportart ausüben zu lassen?
„Parkinson-Boxen machen wir ohne echten Kontakt. Wir schlagen nur auf die Boxhandschuhe des anderen oder auf den Boxsack. Ganz sicher nicht zum Kopf. Wir entwickeln die Trainings sehr zielgruppengerecht, um sie so sicher wie möglich zu halten. Es ist nämlich viel mehr als nur Training mit Boxhandschuhen. Wir machen auch Zirkeltraining, Übungen mit springenden Bällen, mit dem Werfen und Fangen von Bällen, sowohl links als auch rechts. Der rote Faden ist eigentlich immer: Dinge gleichzeitig tun. Das kann auch bedeuten, dass sie sich einen Ball zuwerfen und dabei jeweils einen Namen mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets nennen: Annie, Bertus, Corrie, Daniel und so weiter. Das macht es auch leichter, das Training abwechslungsreich zu halten.“

Was macht es für Sie als Sportschulbetreiberin und Trainerin reizvoll?
„Es ist eine ganz andere Zielgruppe. Es erfordert etwas mehr Geduld, aber so werde ich selbst auch herausgefordert, mich weiterzuentwickeln. Ich kann dreißig Jahre lang die gleichen „normalen“ Trainings abarbeiten, aber mit mehr Abwechslung bleibt meine Arbeit natürlich auch länger interessant.“

Verändert diese neue Zielgruppe Ihre Sportschule?
„Wir hatten immer schon ein sehr breites Publikum, wortwörtlich von 6 bis 86 Jahren. Aber diese Gruppe hat schon ihre eigenen Herausforderungen, und darauf müssen alle etwas Rücksicht nehmen. Es geht aber gut zusammen mit dem regulären Publikum. Ich sehe, dass die Wettkampf-Kickboxer jemanden aus der Parkinson-Gruppe unterstützen, wenn er einen schlechteren Tag hat und sehr schlecht geht, etwa auf dem Weg zur oder von der Umkleide oder auf der Treppe. Das finde ich schön.“

Gibt es Unterstützung von Fonds oder Institutionen?
„Leider noch nicht. Ich habe verstanden, dass daran gearbeitet wird, eine Erstattung über die Krankenversicherung zu erreichen, aber das ist noch nicht möglich. Das wäre denke ich gut, denn es senkt die Schwelle, wenn die Kosten übernommen werden.“

Haben Sie Tipps für andere Kampfsportschulbetreiber, die etwas Ähnliches machen wollen?
„Wenn Sie glauben, dass Sie die Geduld aufbringen können, denn das ist wirklich eine Voraussetzung, würde ich es auf jeden Fall versuchen. Es gibt Ihrer Sportschule einen Mehrwert, es ist gut für den Zusammenhalt und den sozialen Charakter des Gyms. Und dadurch hat Ihre Sportschule auch einen Mehrwert für die Gesellschaft. Und vor allem für die Zielgruppe, die für eine Zeit Sportler sein kann und nicht Patient.“

Unser Verein ist für alle
Wenn das Angebot gut auf die Nachfrage abgestimmt wird, werden immer mehr Menschen den Weg zur Kampfsportschule finden. In dieser Artikelserie stellen wir Sportschulen vor, die erfolgreich neue Gruppen ansprechen und eine Kultur der Inklusivität entwickelt haben. In der Hoffnung, dass diese „best practices“ andere inspirieren. Die Kampagne Onze club is voor iedereen („Unser Verein ist für alle“) bietet vom niederländischen Nationalen Olympischen Komitee und Sportbund (NOC*NSF) aus Unterstützung für Klubs, Vereine und Sportunternehmer, die Vielfalt und Inklusion aktiv umsetzen wollen. Dafür wurde eine Übersicht der Angebote entwickelt, unter anderem mit kostenlosen Workshops und Trainingsprogrammen.

Zuvor in dieser Serie:

Unsere Kampfsportschule ist für alle

No Limits Gym: „Inklusion muss selbstverständlich sein“

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