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Kongress Kampfsport und Kommunen: „Schaut euch in die Augen“

Sucht einander auf, lernt einander kennen: Das war der Ratschlag, der beim Kongress „50 Jahre Kampfsport & Kommunen“ in der Jaap Edenhal am häufigsten zu hören war. Am Mittwoch, 27. Mai, kamen auf Initiative der VA (Nederlandse Vechtsportautoriteit, niederländische Kampfsportaufsicht) die Kampfsportwelt und die Welt der Kommunen zusammen, um mehr Einblick in die Realität der jeweils anderen Seite zu bekommen. Es gab Raum für Kritik, überwiegend richtete sich der Blick jedoch auf die guten Beispiele: Was funktioniert, und wie können andere davon lernen?
Rund 120 Menschen kamen an historischem Ort zusammen. Diese Woche vor fünfzig Jahren fand in der Jaap Edenhal in Amsterdam-Oost erstmals in den Niederlanden eine Kickbox-Gala statt. Darauf wurde bei der Eröffnung des Kongresses, auch durch Tagesvorsitzenden Wilson Boldewijn, ausführlich eingegangen. Sporthistoriker Jurryt van de Vooren sprach über die Geschichte des Kampfsports in den Niederlanden, mit besonderem Augenmerk auf das Verhältnis zwischen Kampfsport und Kommunen. Er beschrieb die Entwicklung von völliger Ablehnung und dem Boxverbot aus dem frühen 20. Jahrhundert bis zu diesem Kampfsportkongress, an dem unter anderem Beigeordnete (wethouders) und Bürgermeister teilnahmen, die selbst gerne kickboxen und sogar Wettkämpfe bestreiten.

Pioniere geehrt
Anschließend stellte NVB-Direktor Raimond Honig einige Pioniere in den Mittelpunkt , die das Kickboxen in die Niederlande brachten und den Sport groß machten: Jan van Looijen, Thom Harinck, Johan Vos sowie Martin van Emmen und André Mannaart als sportliche Erben von Peter van den Hemel und Jan Plas, die leider nicht mehr unter uns sind. Die großen Verdienste dieser ersten Generation wurden hervorgehoben, und der Amsterdamer Beigeordnete Alexander Scholtes überreichte Pokale, die der NVB für diesen Anlass anfertigen ließ. Die Pioniere erhielten anschließend mit stehendem Applaus den Respekt, den sie verdient haben.

V.l.n.r. Martin van Emmen, Raimond Honig, Thom Harinck, Johan Vos, Jan van Looijen, André Mannaart
Gesellschaftlicher Wert des Kampfsports
Nach dieser feierlichen Eröffnung folgte ein Panel mit Anneke van Zanen-Nieberg (Vorsitzende des NOC*NSF), André de Jeu (Direktor der Vereniging Sport & Gemeenten, Verband Sport und Kommunen) und Peter van Veen (Direktor Sport und gesellschaftliche Einrichtungen der Gemeinde Den Haag). Das Gespräch kam schnell auf den gesellschaftlichen Wert, den Kampfsportarten haben können, wenn sie gut organisiert sind. Ebenso kam die Frage auf, was Kommunen dabei leisten können, etwa zur Unterstützung von Sportunternehmern. Viele Kommunen sind daran gewöhnt, dass Sport über Vereine läuft, inzwischen treiben jedoch mehr Menschen Sport bei unternehmerisch geführten Sportanbietern oder mit Freunden. Eine der Fragen war, ob die Verwaltung daran ausreichend anschließt. Es wurde eine dynamische Sitzung, auch weil das Publikum schnell in das Gespräch einbezogen wurde. Kritisch, aber konstruktiv brachten die Teilnehmenden ihre eigenen Erfahrungen in die Diskussion ein. Aus dem Praxisbeispiel der Gemeinde Den Haag, wo sich die Kampfsportschulen selbst organisiert haben, um strukturell mit der Kommune zu beraten, kam der Aufruf, einander häufiger aufzusuchen, und nicht nur dann, wenn es ein Problem gibt. Prüft auch, ob ihr gemeinsam Initiativen entwickeln könnt, um Menschen in Bewegung zu bringen und den Sport zu fördern.
Nach diesem ersten Panel fanden in zwei Sälen zwei vertiefende Sitzungen statt: eine über Kampfsportveranstaltungen und Kommunen und eine über Kampfsportschulen und Kommunen.

Kampfsportveranstaltungen und Kommunen
Sicherheitsexperte Wieresh Ghisya eröffnete diese Sitzung mit einer Darstellung der Sicherheit bei Veranstaltungen. Er sprach über das Format Sicherheitsplan, das die VA gemeinsam mit Promotern und Kommunen entwickelt hat. Die Rolle und Arbeitsweise des Auditteams wurde beleuchtet, mit besonderem Augenmerk auf die Sicherheitsaudits. Ghisya betonte die Bedeutung maßgeschneiderter Lösungen und veranschaulichte seine Ausführungen mit Praxisbeispielen. Das darauffolgende Panelgespräch mit Promoter John Kuipers, Polizist Robin Holtrop und dem kommunalen Mitarbeiter Niels Westerveld war eine interessante Erkundung des Raums zwischen Theorie und Praxis. Auch Kommunen wollen bei Genehmigungen gerne maßgeschneidert arbeiten, doch schnell zeigte sich, dass Promoter, die Veranstaltungen organisieren wollen, oft den Eindruck haben, gerade alle über einen Kamm geschoren zu werden. Sobald das Wort Kampfsport fällt, fühlen sie sich als Risiko betrachtet, auch wenn sie ein kleines Turnier für Kinder organisieren wollen. Ist der Kampfsport inzwischen nicht so gut organisiert, dass Lockerungen angebracht sind? Bei den Vertretern der Kommunen im Saal zeigte sich Bereitschaft, doch die Kampfsportwelt muss sich der Situation bewusst bleiben, aus der wir kommen. Die strengen Regeln und die Vechtsportautoriteit wurden als Reaktion auf Veranstaltungen geschaffen, die aus dem Ruder liefen, mit Gewalt außerhalb des Rings bis hin zu Schießereien. Zudem hatte der Kampfsport mit Einflussnahme aus der organisierten Kriminalität zu kämpfen, die nicht nur nach Wegen suchte, Schwarzgeld zu waschen, sondern auch Kämpfer für schwere Kriminalität rekrutierte, was mehr als eine Handvoll Sportler das Leben gekostet hat. Das seither gewonnene Vertrauen hat noch nicht alle Vorurteile über den Sport ausgeräumt, dafür wird auch Zeit vergehen müssen. Ein weiterer Punkt, der aus der Kampfsportwelt eingebracht wurde: Bürokratie lässt sich vermeiden, indem Genehmigungsverfahren praktischer eingerichtet werden. Wenn ein Promoter in drei verschiedenen Gemeinden Veranstaltungen organisiert, muss er dann tatsächlich dreimal dasselbe BIBOB-Verfahren (Integritätsprüfung nach dem niederländischen Gesetz Wet Bibob) durchlaufen, oder lässt sich das durch einen besseren Informationsaustausch zwischen Kommunen vermeiden? Das würde sowohl dem Sportunternehmer als auch den Kommunen Arbeit und damit Kosten sparen. Die Vechtsportautoriteit prüft, ob sie hierbei eine Rolle übernehmen kann.

Kampfsportschulen und Kommunen
Die Sitzung über das Verhältnis zwischen Kampfsportschulen und Kommunen wurde von Wouter Schols vom Nederlands Instituut voor Vechtsport en Maatschappij (niederländisches Institut für Kampfsport und Gesellschaft) eröffnet. Er erläuterte, wie die Qualitätslabels seiner Organisation und das Keurmerk Vechtsportautoriteit (Gütesiegel der Vechtsportautoriteit) zur Professionalisierung des Kampfsports beitragen. Mike Soumokil vom Auditteam der VA beschrieb, wie sie mit ihren Besuchen in den Sportschulen zur Entwicklung der Gyms beitragen. Gemeinsam mit den Inhabern und Trainern prüfen sie, ob es Verbesserungspunkte gibt und wie diese angegangen werden können. Die Ergebnisse der Audits werden auch mit den Kommunen geteilt, weil sie zum Vertrauen der Kommunen beitragen, dass die Kampfsportbetriebe ernsthaft daran arbeiten, Qualität und Sicherheit auf Niveau zu halten. Das anschließende Panelgespräch mit Sportschulinhaberin Hanieh Kamran, Sportbeigeordnetem Marc Merx und Sportunternehmer Remy Bonjasky ging unter anderem um die Bedeutung der persönlichen Beziehung des Sportschulinhabers zu den Ansprechpartnern bei den Kommunen. Beigeordneter Merx aus Dordrecht, selbst Kampfsportliebhaber und Mitglied des Aufsichtsrats der VA, betonte, wie wichtig es ist, sich in die Augen zu schauen und wirklich zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Ladet den Sportbeigeordneten und Mitglieder des Gemeinderats in euren Gym ein, zeigt ihnen, was ihr tut und welche Atmosphäre dort herrscht, gab er an. Hanieh Kamran von den Tabonon-Sportschulen in Zwolle und Umgebung erzählte, dass sie dies getan habe, das Verhältnis dennoch oft schwierig sei. Merx musste einräumen, dass man natürlich einen guten Beigeordneten braucht, der eine gute Einschätzung treffen kann, aus den Beiträgen aus dem Saal wurde jedoch deutlich, dass der Kern bestehen blieb. Der direkte Kontakt, die Tasse Kaffee und der Blick in die Augen: Das ist wichtig, um unnötiges Misstrauen zu vermeiden. Was man nicht kennt, schätzt man nicht, so wurde es zusammengefasst. Remy Bonjasky sagte, dass durchaus noch etwas geschehen müsse, um Vorurteile bei den Kommunen abzubauen. Vor allem, dass Veranstaltungen für Kinder, vergleichbar mit einem Judoturnier oder einem Fußballspiel, jedes Mal wieder zu einem Gespräch im Rathaus und bei der Polizei führen, fühle sich stigmatisierend an und passe nicht zu den tatsächlichen Risiken einer Jugendgala in einer Sportschule, die schon seit Jahren alle Voraussetzungen erfüllt.

Parkinson Boxing
Nach den Themensitzungen wurde nochmals auf den gesellschaftlichen Mehrwert eingegangen, den Kampfsportarten haben können. Hans und Dini Louwersen wurden im eigenen Umfeld mit den schrecklichen Folgen der Parkinson-Krankheit konfrontiert. Diese Hirnerkrankung, bei der Nervenzellen absterben, ist nicht heilbar. Dennoch lässt sich etwas dagegen tun: Der Verlauf der Krankheit kann verlangsamt werden, wenn Patienten Sport treiben. In Amerika wurde dafür Parkinson Boxing entwickelt. Boxen erweist sich als sehr geeignete Sportart, weil die Teilnehmenden verschiedene Aufgaben im Kopf und mit dem Körper kombinieren müssen. Genau dieses Kombinieren von Aufgaben hilft, den Abbau zu verlangsamen. Zudem lässt sich Boxen gut trainieren, ohne dass man mit anderen Sportlern in Berührung kommt oder einen Ball an den Kopf bekommt. Hans und Dini absolvierten eine Ausbildung in den USA und bauten anschließend im eigenen Land eine niederländische Abteilung auf. Hier haben sie inzwischen Dutzende andere Sportschulinhaber ausgebildet, die nun selbst Parkinson Boxing anbieten. Der Traum ist, dass alle Menschen, die mit Parkinson zu tun haben, in der eigenen Gemeinde trainieren können. Sie riefen die anderen anwesenden Sportschulinhaber auf, sich anzumelden, und Kommunen wurden aufgerufen, diese Initiativen aktiv zu unterstützen und zu fördern.

Derk Alssema
Das Schlusswort hatte an diesem Tag Derk Alssema, der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Vechtsportautoriteit. Im Hauptberuf ist er Bürgermeister der nordbrabantischen Gemeinde Gilze en Rijen, zugleich aber begeisterter Kickboxer und Boxer. Er erzählte, dass er etwa drei bis vier Mal pro Woche trainiert, weil es ihn fit und scharf hält. Anfangs hatte er die bekannten Vorurteile über Kickboxen, dass es etwas für raue Menschen sei, in denen er sich nicht wiedererkennen konnte. Doch nachdem ihn ein Freund einmal überredet hatte und er sah, dass diese Vorurteile nicht zutrafen, ergriff ihn der Sport. Momentan trainiert er noch etwas fanatischer als üblich, weil er in diesem Sommer erstmals selbst für einen Boxkampf in den Ring steigt. Alssema konnte den Kongress durch zwei Brillen betrachten: die des Bürgermeisters und die des Kampfsportliebhabers. Er kam zu dem Schluss, dass die Botschaft für beide Gruppen dieselbe war: Sucht einander auf, lernt einander kennen. Investiert in die persönliche Beziehung. Das verhindert Misstrauen und erleichtert die Verfahren, wenn eine Genehmigung beantragt werden muss.

Der Rat wurde sogleich beherzigt, denn nach diesem Abschluss wurde noch ein Glas getrunken, und man konnte einander für ein Gespräch aufsuchen oder Termine für ein näheres Kennenlernen vereinbaren.