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Niederländische Kampfsportbehörde
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‘Es geht um Menschen, aber wir arbeiten auch an einer Kultur’

6 Min. Lesezeit
Saskia van Rijswijk, Vorstandsmitglied der Vechtsportautoriteit, ist Vertrauensperson für den Kampfsportsektor. Aber was bedeutet das in der Praxis? 'Es beginnt immer mit gutem Zuhören, aber danach muss man weiterschalten. Wir sind da, um Menschen weiter zu beraten.' 

Vor sechs Jahren wurde von der Nederlandse Vechtsportautoriteit zum ersten Mal ein Kurs für Vertrauenspersonen für den Kampfsportsektor organisiert. Diese Grundausbildung des NOC*NSF und des Centrum Veilige Sport war ein wichtiger Schritt hin zu einem sichereren und gesünderen Kampfsportsektor. 

Inzwischen sind Dutzende Menschen geschult. Ihre Aufgabe ist es, Meldungen unter anderem über sexuelle Belästigung und anderes grenzüberschreitendes Verhalten zu bearbeiten. Sie bieten ein offenes Ohr und helfen Meldenden, die nötigen weiteren Schritte zu gehen. Sie sind nicht da, um zu urteilen oder psychische Hilfe zu leisten, sondern um Menschen weiter zu beraten. Manchmal bedeutet das, jemanden beim Einreichen einer offiziellen Anzeige zu begleiten. Meistens ist Vermittlung eher angebracht. Die Vertrauensperson sucht mit den Beteiligten nach einer maßgeschneiderten Lösung.

Bei der VA selbst trat Vorstandsmitglied Saskia van Rijswijk hervor. Angesichts ihres Hintergrunds unter anderem als Psychologin und als ehemalige Wettkämpferin auf Spitzenniveau hat sie ein gutes Profil, um als Ansprechpartnerin zu dienen. Normalerweise (in anderen Sportarten) ist es nicht üblich, dass ein Vorstandsmitglied zugleich Vertrauensperson ist. Aber unsere Sportarten sind nun einmal etwas anders organisiert, und Saskia ist angesichts ihres Hintergrunds und des Vertrauens, das sie im Sektor genießt, gerade besonders ansprechbar. Die Praxis zeigt, dass Meldende sie oft einer unbekannten Person vorziehen. Wir blicken mit ihr auf die Einführung und auf die ersten Jahre zurück, in denen sie als Vertrauensperson tätig war.

Haben die Vertrauenspersonen etwas im Kampfsport verändert?

'Wir müssen breiter schauen als nur auf diese Funktion. Wir sind als Gesellschaft und damit auch im Sport mit einem Kulturwandel beschäftigt. Opfer besser unterstützen, aber auch Täter begleiten, um die Wiederholungsgefahr zu verringern. Dinge aus der Tabuzone holen. 

Die VA hat einen Leitfaden Umgang mit grenzüberschreitendem Verhalten im Kampfsport geschrieben, gedacht für Gemeinden, Verbände, Sportschulen, Promoter, Trainer und natürlich die Kämpfer und Freizeitsportler selbst. Das hilft, als Kampfsport gemeinsam Normen zu bestimmen und zu wahren. Ich denke, es muss vor allem auch den Sportschulbetreibern ein Kompliment gemacht werden, die eine Hausordnung entwickelt haben und dafür sorgen, dass jemand ansprechbar ist. Sie sind jeden Tag damit beschäftigt, für eine gesunde Kampfsportkultur zu sorgen. 

Die Veranstaltungen sind die Blickfänge des Kampfsports, aber die Kampfsportschule ist unser Zuhause. Dort beginnt die Sicherheit, dort geben wir Normen und Werte weiter und dort müssen wir füreinander da sein. Als Vertrauensperson hoffe ich, einen kleinen Beitrag zu einer Kultur zu leisten, in der das selbstverständlich ist.'

Welche Meldungen erhalten Sie als Vertrauensperson? 

'Die meisten Meldungen betreffen grenzüberschreitendes Verhalten. Denken Sie an Sportler, die in der Sportschule sexuelle Belästigung erleben, oder Diskriminierung. Aber es geht auch um Fragen rund um die Integrität im Sport, zum Beispiel über vermutete Interessenkonflikte. Eine dritte Kategorie betrifft die Sicherheit in Sportschulen. Das können Eltern sein, die sehen, dass bei ihrem jungen Kind noch immer auf den Kopf geschlagen wird, obwohl wir vereinbart haben, dass das erst ab einem bestimmten Alter erlaubt ist. Aber auch Sportler, die glauben, dass das Gebäude, in dem sie trainieren, zu unsicher ist.' 

Jemand ruft Sie mit einem Anliegen an. Was tun Sie dann?

'Es beginnt immer mit gutem Zuhören. Worum geht es genau? Ist das Anliegen, weswegen der Meldende anruft, wirklich der Kern des Problems, oder gibt es ein zugrunde liegendes Problem? Das versucht man sehr genau herauszufinden. Man versucht, alle beteiligten Parteien zu sprechen, oft zunächst in einem informellen Gespräch. Man tastet zuerst ab, ob es möglich ist, zu einer Lösung zu kommen, ohne ein offizielles Verfahren einzuleiten. Das tut man nicht, um Ärger zu vermeiden oder Täter zu schützen, sondern weil es manchmal auch für den Meldenden wünschenswert ist. Es kann einem Opfer gerade viel Stress ersparen, wenn zum Beispiel über eine Vermittlung ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht wird. Und wenn das nicht gelingt, stelle ich zusammen, welche Möglichkeiten der Meldende hat, und wir besprechen gemeinsam, welche weiteren Schritte die besten sein können. Ich versuche, die Regie so weit wie möglich beim Meldenden zu lassen.' 

Haben Sie nicht selbst die Neigung, vermitteln zu wollen?

'Das ist schon die erste menschliche Reaktion, der Gedanke, wie wir den Beteiligten aus einer unangenehmen Lage helfen können. Aber unsere erste Verantwortung ist das Begleiten. Wir müssen als Vertrauensperson auch unsere Grenzen kennen. Wir sind keine Polizei, wir sind kein Schiedsgericht, wir machen auch keine Paartherapie. Unsere Aufgabe ist es, jemandem den richtigen Weg zu weisen. Das ist oft schon schwierig genug.' 

Sind es immer Opfer, die sich bei Ihnen melden? 

'Wir sind für alle da, die mit grenzüberschreitendem Verhalten zu tun haben. Das können Opfer sein, Zeugen, aber auch Täter. Oder Menschen, die nicht genau wissen, ob sie eine Grenze überschritten haben. Bei mir hat sich auch schon einmal jemand gemeldet, der sich in einer Beziehung mit einem anderen Sportler befand, wobei diese Beziehung entgleiste. Es kann jemand sein, der Einsicht in sein eigenes Verhalten gewonnen hat, es bereut und aus dieser Position Kontakt sucht. Oder Menschen melden sich in einem Konflikt, bei dem beide Seiten ein gewisses Maß an Schuld tragen; es ist längst nicht immer schwarz-weiß. Wir ermutigen jeden, der vielleicht zweifelt, auch über das eigene Verhalten. Ein erstes Gespräch ist immer vertraulich. Auch wenn Sie schon länger mit etwas herumlaufen, bedenken Sie: Es ist nie zu spät, sich von einer möglichen Last zu befreien. Ein Gespräch kann enorm helfen, wenn Sie in Ihrem Kopf feststecken.' 

Nicht jeder Fall ist schwarz-weiß, das ist herausfordernd. Welche Herausforderungen gibt es noch?

'Es kann kulturelle Blockaden geben, etwas anzusprechen, etwa Scham oder Ehrgefühl. Zum Beispiel bei der Familie eines Opfers oder Täters. Das kann Menschen davon abhalten, für sich selbst einzustehen, damit muss man sehr sorgfältig umgehen. Was einen Fall ebenfalls komplex machen kann, ist, dass Opfer oder Täter eine Verhaltensstörung oder eine eingeschränkte Lernfähigkeit haben können. Dann ist es besonders wichtig, maßgeschneidert vorzugehen, zum Beispiel auch in der gesamten Kommunikation mit den Beteiligten.'

Haben Sie das alles in diesem eintägigen Kurs gelernt?

'Der Kurs des NOC*NSF und des Centrum Veilige Sport ist ein guter Anfang, aber ich finde persönlich, dass man damit nicht fertig ist. Ich merkte selbst schnell, dass ich mehr Ausbildung brauchte, und beschloss deshalb, mich weiterzuentwickeln. Ich habe mich beim Landelijk Instituut Vertrouwenspersonen angemeldet, inzwischen bin ich auch Vertrauensperson im Sinne dieser Ausbildung. 

Daneben darf ich das CMSS-System nutzen, das Case-Management-System Sport des Centrum Veilige Sport Nederland, mit dem ich auch viel zusammenarbeite. Auch weil ich dort wieder mehr Menschen kennenlernte, die sich mit solchen Aufgaben befassen. So baut man ein informelles Netzwerk auf. Wenn ich selbst Rat zu einem komplizierten Fall brauche, weiß ich, dass ich einige Menschen mit ähnlichen Erfahrungen ansprechen kann. Übrigens bleiben die Beteiligten auch für dieses Team in diesem Gespräch anonym. 

Ich denke, es wäre gut, wenn es mehr Aufbaukurse gäbe, bei denen Vertrauenspersonen aus verschiedenen Sportarten auch Erfahrungen austauschen können. Meiner Ansicht nach ist jeder, der diese Rolle übernimmt, gern bereit, Wissen zu teilen und andere zu unterstützen. Ich selbst wurde vor Kurzem gefragt, auch für den niederländischen Boxverband als Vertrauensperson aufzutreten und die Erfahrungen aus dieser Position bei der Vechtsportautoriteit weiterzugeben. Wir haben als Kampfsport doch ein wenig eine Pionierrolle erfüllt.' 




Mehr Informationen über Vertrauensfragen finden Sie hier. Dort finden Sie auch die Kontaktdaten von Saskia.
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